
Ich beobachte seit Jahren einen Widerspruch, der mich nicht loslässt.
Private Hochschulen bauen ihre Teilzeit-Studienangebote massiv aus. Von 10,6 Prozent im Wintersemester 2016/17 auf 19,9 Prozent im Wintersemester 2024/25 – eine Verdopplung in nur acht Jahren.
Gleichzeitig sinkt die Zahl der offiziell eingeschriebenen Teilzeitstudierenden. Aktuell studieren nur 7,6 Prozent aller Studierenden in Teilzeit, etwa 217.000 Personen. Seit dem Höchststand 2020/21 ist diese Zahl um 13.000 gesunken.
Das Angebot wächst. Die Nachfrage schrumpft.
Was läuft hier falsch?
Die versteckte Wahrheit: Inoffizielle Teilzeitstudierende überall
Die offiziellen Zahlen erzählen nur die halbe Geschichte.
Laut der 22. Sozialerhebung gibt rund ein Fünftel der Studierenden an, nicht in Vollzeit zu studieren – obwohl sie nicht offiziell als Teilzeitstudierende eingeschrieben sind. Ein Viertel aller Studierenden braucht mindestens ein Jahr länger zum Abschluss als vorgesehen.
Diese Menschen existieren in einer Grauzone.
Sie studieren faktisch in Teilzeit, tauchen aber in keiner Statistik auf. Sie kämpfen mit Strukturen, die für Vollzeitstudierende konzipiert wurden. Sie jonglieren Job, Familie und Studium ohne die Flexibilität, die ein offizielles Teilzeitmodell bieten würde.
Der reale Bedarf ist massiv größer als die 7,6 Prozent vermuten lassen.
Private Hochschulen dominieren – aus gutem Grund
Hier wird es interessant.
Mehr als die Hälfte aller offiziellen Teilzeitstudierenden – 49,3 Prozent – ist an privaten Hochschulen eingeschrieben. Private Hochschulen machen aber nur 11 Prozent aller Studierenden insgesamt aus.
Noch drastischer: 38,4 Prozent der Studierenden an privaten Hochschulen studieren in Teilzeit. An staatlichen Hochschulen sind es gerade mal 8,2 Prozent.
48 Prozent aller Teilzeitstudierenden verteilen sich auf nur drei Hochschulen.
Warum diese extreme Konzentration?
Private Hochschulen haben verstanden, was staatliche Einrichtungen ignorieren: Individualisierung ist kein Luxus mehr, sondern Standard.
Während Studierende an staatlichen Hochschulen oft umständlich nachweisen müssen, warum sie nicht in Vollzeit studieren können, bieten private Anbieter flexible Modelle als Regelfall an. Unübliche Veranstaltungszeiten, intensive Betreuung, Serviceorientierung.
Das ist kein Zufall. Das ist strategische Positionierung.
Was ein Teilzeitstudium tatsächlich kostet
Die Kostenfrage ist komplex.
Hochschulträger haben 2022 durchschnittlich 36.500 Euro für ein Bachelorstudium aufgewandt – bei einer durchschnittlichen Fachstudiendauer von 4,1 Jahren. Das sind die realen Kosten pro Studierenden aus Sicht der Einrichtung.
Für Studierende sieht die Rechnung anders aus.
Weiterbildende berufsbegleitende Studiengänge kosten bis zu 88.000 Euro. Kürzere Weiterbildungsformate wie Microcredentials liegen zwischen 1.200 und 2.000 Euro.
Die Preisspanne ist enorm.
Das zeigt: Es gibt nicht “den” Preis für Teilzeitstudium. Es gibt unterschiedliche Positionierungen, unterschiedliche Zielgruppen, unterschiedliche Wertversprechen.
Die Frage ist nicht: “Was kostet ein Teilzeitstudium?”
Die Frage ist: “Welchen Wert schafft Ihr Angebot – und für wen?”
Der Megatrend, den viele übersehen
Ich sehe hier einen fundamentalen Wandel.
Im Berufsalltag sind Teilzeitmodelle längst Standard. Es gibt einen Rechtsanspruch auf Teilzeit. Flexibilität ist selbstverständlich.
In der akademischen Bildung hinken wir hinterher.
CHE-Experte Cort-Denis Hachmeister bringt es auf den Punkt: “Im Bereich der akademischen Aus- und Weiterbildung kann von flächendeckenden Teilzeitmodellen noch keine Rede sein.”
Diese Diskrepanz ist die Marktchance.
Die Nachfrage nach dualen und berufsbegleitenden Studiengängen ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv gestiegen. 2005 entschieden sich weniger als ein Prozent aller Studienanfänger für ein duales Studium. 2014 waren es bereits fast fünf Prozent.
Aktuell gibt es in Deutschland 390 Hochschulen, Akademien und privatwirtschaftliche Unternehmen, die ein akademisches berufsbegleitendes Studium anbieten – mit 1.701 Studienmöglichkeiten.
Das Angebot explodiert.
Was das für private Bildungseinrichtungen bedeutet
Die Zahlen zeichnen ein klares Bild.
Es gibt eine massive Lücke zwischen Angebot und tatsächlicher Nutzung. Viele Studierende brauchen Flexibilität, nutzen aber keine offiziellen Teilzeitmodelle.
Warum?
Oft liegt es nicht am Angebot selbst. Es liegt an der Kommunikation.
Private Bildungseinrichtungen, die Teilzeitstudiengänge anbieten, müssen drei Dinge klar machen:
Erstens: Wer ist die Zielgruppe? Berufstätige, Eltern, Menschen mit Pflegeverantwortung – jede Gruppe hat andere Bedürfnisse und andere Schmerzpunkte.
Zweitens: Welches konkrete Problem löst das Angebot? “Flexibilität” ist zu abstrakt. “Du kannst Deine Vorlesungen nach 18 Uhr besuchen und Prüfungen am Wochenende ablegen” ist konkret.
Drittens: Warum rechtfertigt das den Preis? Bei Kosten von mehreren zehntausend Euro reicht “gute Bildung” nicht als Argument. Der Return on Investment muss klar sein – beruflich, persönlich, finanziell.
Private Hochschulen erschließen neue Aufstiegs- und Bildungspotenziale. Sie gewinnen viele Studierende aus nicht-akademischem Milieu.
Das ist gesellschaftlich wertvoll. Das ist wirtschaftlich sinnvoll.
Aber nur, wenn die Kommunikation stimmt.
Die Zukunft gehört der Individualisierung
Ich bin überzeugt: Teilzeitstudiengänge sind nicht die Zukunft, weil sie praktisch sind.
Sie sind die Zukunft, weil sie Individualisierung ermöglichen.
Menschen wollen Bildung, die sich ihrem Leben anpasst, nicht umgekehrt. Sie wollen Wahlmöglichkeiten. Sie wollen Kontrolle über ihre Zeit, ihr Tempo, ihren Weg.
Private Bildungseinrichtungen, die das verstehen und kommunizieren können, haben einen strukturellen Vorteil.
Die Zahlen beweisen es bereits: 38,4 Prozent Teilzeitquote an privaten Hochschulen versus 8,2 Prozent insgesamt.
Das ist kein Zufall.
Das ist das Ergebnis von strategischer Positionierung, klarer Kommunikation und echtem Verständnis für die Bedürfnisse der Zielgruppe.
Die Frage ist nicht, ob Teilzeitstudiengänge die Zukunft sind.
Die Frage ist: Bist Du bereit, diese Zukunft aktiv zu gestalten – oder schaust Du nur zu, wie andere es tun?